KEA unterwegs – Rappelkiste Gödenroth

Ein Ort, an dem jeder dazugehört – kurz gesagt: gelebte Inklusion

Die Vorsitzende des Kreiselternausschusses Rhein-Hunsrück (KEA), Eva Konrath, berichtet über ihren Besuch am 06.11.2025. (Die Namen der Kinder wurden zum Schutz verfremdet.)

Ich hielt es immer für selbstverständlich, dass jedes Kind – egal wie „unnormal“ es erscheint – einen Kita-Platz in der Gemeinschaft vor Ort bekommt. In einem Bedarfsplanungsgespräch für die Verbandsgemeinde Kastellaun vor zwei Jahren wurde ich eines Besseren belehrt. Ein Bericht darüber, wie teilweise mit Kindern umgegangen wird, die nicht der „Norm“ entsprechen, hat mich zutiefst schockiert.

Seitdem ist Inklusion für mich ein Herzensthema, das wir als KEA aktiv vorantreiben wollen. Wir möchten Bewusstsein schaffen, zeigen, warum es so wichtig ist, jedes Kind so anzunehmen, wie es ist, und zum Umdenken anregen.

Warum sollten wir Inklusion in der Kita leben?

Mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung haben wir einen klaren gesellschaftlichen Auftrag: Alle Kinder sollen gemeinsam leben, spielen und lernen können. Ihre Fähigkeiten oder ihre soziale und kulturelle Herkunft dürfen dabei keine Rolle spielen.

Gelebte Inklusion bereichert alle Beteiligten. Sie erweitert den Horizont und ermöglicht Erfahrungen mit Vielfalt. Kinder lernen, aufeinander einzugehen, rücksichtsvoll zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Sie lernen: Jeder Mensch ist gut, genau so wie er ist.

Gödenroth als Vorbild

In Gödenroth wurde dieser Weg früh eingeschlagen: Bereits 1999 entstand hier die erste integrative Gruppe. Heute gibt es fünf heilpädagogische Plätze, und ich durfte einen Vormittag lang erleben, wie Inklusion konsequent und herzlich gelebt wird.

Die Einrichtung wird aktuell erweitert und modernisiert, damit sie auch langfristig gut aufgestellt ist. Ein Teil der Kinder spielt derzeit in liebevoll gestalteten Containerräumen – warm, gemütlich, mit einladenden Fensterbildern. Die anderen Gruppen sind im Altbau untergebracht, um den herum gebaut wird.

Schon beim Betreten fällt das große Bällebad im Eingangsbereich ins Auge. Während der Leiter der Kita, Herr Michel gerade die Essenbestellung vornimmt, sehe ich mir die Baupläne an: Ein großer Essbereich, eine ruhige Zone für die Kleinsten mit naturnaher Dachterrasse, ein separater, barrierefreier Eingang für die integrative Gruppe sowie Therapieräume sind geplant. Besonders beeindruckt mich, dass das Team sämtliche Entscheidungen gemeinsam getroffen hat – bis hin zur Möbelauswahl. Dieses Projekt ist ein gelebtes Miteinander.

Alltag in der Gruppe: Montessori trifft Konfuzius

Gödenroth arbeitet in Gruppenstrukturen und orientiert sich an den Leitmotiven von Maria Montessori („Hilf mir, es selbst zu tun.“) und Konfuzius („Lass es mich selbst tun, und ich werde es verstehen.“).

Ich bin heute in der Gruppe, die auch von mehreren Kindern mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen besucht wird. Der Gruppenraum wirkt bewusst reizreduziert und übersichtlich gestaltet. Einige Kinder sind heute im Wald, die anderen frühstücken an einem runden Tisch. Ein Mädchen sitzt mit einer Erzieherin an einem separaten Tisch, mit zwei freien Stühlen zwischen sich – eine klare persönliche Grenze, die alle respektieren. Ich erfahre: Sie ist Autistin. Niemand wertet, niemand kommentiert. Die Kinder und Erwachsene nehmen ihren Wunsch völlig selbstverständlich an.

Ein Junge verlässt den Tisch und krabbelt, da dies aufgrund eines Handicaps seine Fortbewegungsform ist. Er räumt selbstständig auf, setzt sich zu dem Mädchen und beginnt zu malen. Er lädt mich ein, mitzumalen – sein Name ist Justus. Er erzählt von seiner bevorstehenden Operation. Ich habe selten jemanden kennengelernt, der durch seine Lebensfreude so hervorsticht. Später spielen wir gemeinsam mit Susanne und Paul „Drache“. Auch das autistische Mädchen, Lisa, wird selbstverständlich einbezogen. Wenn sie sich zurückzieht, respektieren alle ihren Raum. Kommt sie wieder dazu, wird sie umgehend wieder integriert.

Die Erzieherin erzählt mir, dass dies früher anders war: Die Kinder hatten anfangs Angst vor Lisas Verhalten. Heute begegnen sie ihr mit Sicherheit und ohne Berührungsängste. Das ist nicht zufällig passiert, das ist das Resultat bewusster Gestaltungsprozesse. Hier wurde Inklusion nicht nur beschlossen – sie wurde gemeinsam erarbeitet.

Begegnungen im Außengelände und in der Waldkita

Auf dem Außengelände spielen alle Kinder gruppenübergreifend miteinander. Lisa beobachtet detailverliebt ihre Umgebung – auch hier, ohne dass jemand irritiert reagiert. Eine andere besondere Begegnung habe ich mit Nala, die ich beim Rundgang schon gesehen habe. Ihre Integrations-Kraft begleitet sie. Ohne Vorwissen könnte man jedoch glauben, sie sei einfach ein Teil des Teams – so selbstverständlich ist ihre Einbindung in den Kita-Alltag.

Gemeinsam mit Herrn Michel fahre ich anschließend zur Waldkita „An der Äppelheid“ (seit 2023). Das Gelände bietet eine Schutzhütte, einen überdachten Platz zum Essen und Basteln, einen Bauwagen, einen Pizzaofen, einen Gemüsegarten und viel Platz zum freien Spiel.

Ich stelle eine Frage, die mich schon lange beschäftigt: Wie schaffen es Kinder, die so viel draußen sind, später in der Schule stillzusitzen? Die Antwort überrascht mich: Bewegung schafft die Basis dafür. Kinder, die sich früh viel bewegen dürfen, können später leichter ruhig arbeiten. Sie nehmen zudem genauso am Vorschulprogramm teil, wie alle anderen.

Bemerkenswert: Kinder müssen für die Waldkita nicht „trocken“ sein, um teilnehmen zu dürfen – gewickelt wird in der warmen Hütte. Man plant sogar Plätze für unter Dreijährige. Auch hier zeigt sich: Inklusion heißt, allen Kindern Zugang zu ermöglichen.

Kinder können – wenn es zum Entwicklungsstand passt – zwischen Wald und Hauptgebäude wechseln. Nicht beliebig, sondern überlegt. Eine Chance, die nur wenige Kitas bieten.

Fazit

Wer in Gödenroth einen Tag verbringt, merkt schnell: Es gibt hier keine „anderen“ Kinder. Jedes Kind wird angenommen, wie es ist. Angst vor dem „Anderssein“ existiert nicht – denn jedes Kind ist besonders und genau richtig, wie es ist.

Es ist traurig, dass wir überhaupt besondere Plätze brauchen, um diese Haltung selbstverständlich zu leben. Wir reden oft über Offenheit und Vielfalt – aber wer lebt sie so konsequent wie die Rappelkiste in Gödenroth?

Und zum Schluss das Beste: ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Den gewonnenen Eindruck von unserem Besuch bestätigt auch folgender Brief, der uns von Pauline Bronzel erreichte, deren Tochter die Kita in Gödenroth besucht hat.

„Wir sind mehr als dankbar, dass unsere Tochter mit einer körperlichen und kognitiven Behinderung ihre Kindergartenzeit in der integrativen Familienkita Rappelkiste in Gödenroth verbringen durfte. Inklusion ist hier nicht nur ein Wort, sondern wird jeden Tag gelebt und vor allem an alle Kinder weitergegeben, so dass vielleicht anfängliche Berührungsängste sehr schnell verschwinden.

Das gesamte Team ging liebe- und verständnisvoll auf die individuellen Bedürfnisse unserer Tochter ein, holte sie dort ab wo sie in ihrer Entwicklung stand, und stellte damit eine Betreuung und Förderung sicher, die alle Kinder – ob mit oder ohne Behinderung – verdienen. Der Austausch zu uns Eltern war immer gegeben, so dass wir ohne Sorgen und Ängste unsere nonverbale Tochter in den Kindergarten schicken konnten und wussten, dass es ihr gut geht – auch wenn sie uns nicht von ihrem Tag und ihren Erlebnissen erzählen konnte.

Unsere Tochter wurde akzeptiert so wie sie ist und durfte so sein, wie sie ist. Sie ist immer unheimlich gerne in die Kita gegangen, weil sie nie das Gefühl bekommen hat anders oder besonders zu sein. Sie war einfach wie jedes andere Kind ein Teil der Gruppe. Der Umgang mit den anderen Kindern und die selbstverständliche Integration haben unserer Tochter geholfen sich zu entwickeln und zu stärken. Der Start in die Schule war somit bestens vorbereitet und fiel ihr nicht schwer.

Wir denken sehr oft an die wunderschöne Kindergartenzeit zurück und wünschen uns mehr solcher Kitas und Einrichtungen, die alle Kinder so annehmen wie sie sind.“